Schlag und fertig?! 

Seminare sind für mich immer wie Reisen - man erkundet bisher unbekannte Orte, und zwar unabhängig davon, wie weit der Seminarort tatsächlich vom eigenen Wohnort entfernt ist, man entdeckt kleine Eigenheiten an den Reisegefährten, und am Ende ist man um viele Eindrücke und Erfahrungen reicher. Vor ein paar Wochen habe ich mich auf eine besondere Reise begeben, deren Eindrücke ich hier beschreiben will. Ich bin im Rahmen meiner Tätigkeit für das ifb - Institut zur Fortbildung von Betriebsräten nach Lübeck gefahren, um ein Seminar zum Thema Schlagfertigkeit zu halten. Wie setze ich mich zur Wehr? Wie verhindere ich, dass andere mit mir machen, was sie wollen? Wie erreiche ich meine Ziele? Wie kann ich Dinge, die mich stören oder meine Arbeit behindern, ansprechen? Und zwar so, dass die Beziehung erhalten bleiben kann. Dass ich weiterhin mit dem anderen zurecht komme und wir zusammen arbeiten können.


Die Woche startete mit dem Begrüßungs- und Kennenlernabend am Montag. Meine Teilnehmer waren motiviert und gespannt und es versprach, eine interessante Woche zu werden. Am Dienstag ging dann die Seminararbeit los. Zunächst sammelten wir die Wünsche der Teilnehmer an das Seminar an einer Pinnwand. Es gab Anliegen wie: verstehen, warum die anderen so reagieren, wie sie es tun, mich besser gegen unfaire Attacken wehren können oder gelassen kontern lernen. Es wurden aber auch andere Aspekte genannt: wie schwierig bin ich? muss ich eventuell meine Ansichten und Meinungen überdenken? 


Am ersten Tag ging es dann vor allem um sogenannte Basistechniken, zum Beispiel den zweisilbigen Kommentar. Auf verbale Attacken antwortet man immer nur mit zwei Silben - „aha“, „ach so“ oder „ach was“ sind Entgegnungen, die auf jede Situation passen. Dadurch kann die Attacke erst mal ins Leere laufen, man kann schnell reagieren, spart Energie und wahrt das eigene Gesicht.


Doch warum bringen uns manche Menschen immer wieder auf die Palme - auch diese Frage sollte im Seminar für jeden persönlich geklärt werden. Dass der Ärger über jemand anderen auch mit mir selbst zu tun hat, war ja bereits am Anfang einerseits als Befürchtung, andererseits als Erkenntnis genannt worden. Wichtig ist hier, die eigenen Triggerpunkte zu kennen und dadurch unabhängig von einer automatischen Reaktion im Reflex zu werden beziehungsweise die Beziehung zum anderen nicht durch Rachegedanken zu gefährden. Das, was mich auf die Palme bringt, löst bei anderen nicht mal ein Stirnrunzeln aus. Und der andere hat vielleicht gar nicht mitbekommen, dass ich seine Äußerung als Angriff oder Kränkung empfunden habe. Es würde zu Fehlurteilen und Missverständnissen führen, dem anderen in solchen Fällen immer eine schlechte Absicht zu unterstellen. Daher ist es wichtig, die eigenen Auslöser zu kennen, um sich verschiedene Handlungsoptionen zu erhalten. Anstatt gleich zurückzuschlagen kann man zum Beispiel nachfragen, wie der andere seine Äußerung gemeint hat. 


Am Mittwoch und Donnerstag stellte ich den Teilnehmern einen weiterer Ansatz mit Angriffen umzugehen vor und dann ging es ans üben, üben, üben. Am Ende stand für alle die Erkenntnis: das Rezeptbuch, die ultimative Antwort, die alle anderen verstummen lässt gibt es nicht. Und sollte es auch nicht geben. Denn wenn die Kommunikation erlischt, dann kommt man nicht mehr weiter. Man hat keine Chance mehr, etwas zu erreichen. Doch genauso wichtig ist es, auf die eigenen Grenzen achten, die eigenen Bedürfnisse klar zum Ausdruck bringen und auch mal Nein sagen können - wenn auch diplomatisch.Wehren kann man sich, allerdings auf eine andere Art als die von den Teilnehmern am Anfang gedachte. Den anderen demütigen und erniedrigen sollte nicht das Ziel sein und zeigt auch keine Stärke. Die wahre Stärke liegt darin, seiner selbst sicher zu sein, Kränkungen wahrzunehmen, aber nicht unbedingt mit Rache beantworten zu müssen. Und auch darin, im Gegner immer auch einen Menschen mit Ängsten und Wünschen zu sehen. Dies benötigt viel mehr Kraft, Mut und Ausdauer als jeder Racheakt. Nur im Austausch, auch in der Reibung mit anderen, können wir uns entwickeln. Dies gilt nicht nur für die Teilnehmer eines Seminars, sondern auch für die Trainerinnen und Trainer. Und am Ende kann ich sagen: es war eine schöne Reise.

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